Die Erinnerung an Hiroshima und Nagasaki verblasst. Das zeige auch das Verhalten von Trump und Putin, sagt Nuklearwaffenexperte Oliver Thränert. Für die Schweiz hat er angesichts der zunehmenden atomaren Gefahr eine Empfehlung.
Oliver Thränert ist umgezogen, aus Zürich zurück nach Deutschland, ins schöne Rheinland, wie er sagt. «Über 20 Kisten mit Büchern stehen noch im Wohnzimmer herum.» In vielen dieser Bücher geht es um Atomwaffen und darum, wie verhindert werden soll, dass sie weiter verbreitet werden.
Thränert ist pensioniert, aber immer noch einer der führenden Experten zu Nuklearwaffen, deren Zeitalter vor 80 Jahren begonnen hat. Damals, am 6. und 9. August 1945, setzte die US-Luftwaffe im Krieg gegen Japan zwei Atombomben ein. In Hiroshima und Nagasaki starben mehr als 200’000 Menschen. Thränert leitete zwölf Jahre lang den Thinktank am Center for Security Studies der ETH. Zuvor war er bei der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, der er inzwischen als Non-Resident Senior Fellow wieder angehört.
Der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima jährt sich zum 80. Mal. War der Einsatz der Atombombe nötig, um den Krieg zu beenden? Oder handelte es sich dabei um ein Kriegsverbrechen, wie Kritiker sagen? Die vorherrschende Sichtweise in den USA ist nach wie vor, dass der Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 nötig war, um den Krieg gegen Japan möglichst schnell zu beenden und dadurch das Leben vieler GIs zu retten. Kritiker wenden ein, Japan habe nicht wegen der Atomwaffenabwürfe kapituliert, sondern aufgrund der ungefähr zeitgleichen Kriegserklärung der Sowjetunion gegenüber Tokio. Auch sei es dem damaligen US-Präsidenten Harry S. Truman darum gegangen, Josef Stalin mittels der Atomwaffen zu beeindrucken und so mit Blick auf die Neuordnung Europas für Washington eine starke Verhandlungsposition zu erreichen. Schliesslich: Bei einem Atomwaffeneinsatz kann die Zivilbevölkerung nicht geschont werden. Insofern ergeben sich völkerrechtliche Probleme.
Die Schweiz hat keine Atomwaffen. Wie sollte sie auf die zunehmende Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes reagieren? Auch wenn dies von vielen in der Schweiz befürwortet wird: Ein Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag wäre kontraproduktiv. Anstatt nukleare Abschreckung per se infrage zu stellen, ist auch von der Schweiz ein gewisses Mass an Solidarität gefragt. Europa darf sich nicht einseitig atomar entwaffnen, will es gegenüber den nuklearen Drohungen Russlands bestehen.
Ganzes Interview auf Tagesanzeiger (Bezahlartikel)